27.09.2021

"Mobil nach Querschnitt": Initiative für ein fachübergreifendes Versorgungsnetzwerk

Reha-Übungen mit der C-Brace Orthese
Reha-Übungen mit der C-Brace Orthese

Ottobock Symposium für innovative Lösungen

In Deutschland erleiden jährlich ca. 2400 Menschen eine Querschnittlähmung durch Unfälle oder werden aufgrund anderer Erkrankungen so in ihrer Mobilität eingeschränkt, dass sie auf den Rollstuhl, Orthesen oder funktionale Elektrostimulation angewiesen sind. In einer alternden Gesellschaft ist die Versorgung von QuerschnittpatientInnen noch allgegenwärtiger. Diesen Wandel gilt es nun in einen modernen Versorgungsansatz zu übertragen. Im Symposium „Mobil nach Querschnitt” diskutierten OrthopädietechnikerInnen, ÄrztInnen, Physio-, Ergo- und SporttherapeutInnen eine Zeitenwende im Genesungsprozess: „Ein für die PatientInnen individuell koordinierter und interprofessioneller Versorgungsansatz ist die Voraussetzung für eine optimale Rehabilitation“, so Philipp Hoefer, Geschäftsführer Vertrieb & Marketing DACH bei Otto Bock HealthCare Deutschland. „Wir als Industrie können dabei gemeinsam mit dem orthopädietechnischen Betrieb oder Sanitätsfachhandel mit Hilfsmitteln unterstützen.“ Zum neuen Ansatz zählen:

  • Vorausschauende Hilfsmittelplanung durch Zusammenarbeit des interprofessionellen Rehabilitationsteams mit PatientInnen.
  • Durch regelmäßiges Stehen und Training kann die individuelle Rehabilitation der PatientInnen bei inkompletten Querschnitten merklich verbessert werden, wodurch sich die Folgekosten für das Gesundheitssystem senken lassen.
  • Aufnahme der Kompetenz-Hilfsmittelberatenden in verschiedene Ausbildungszweige.
  • Frühzeitige Kostenübernahme für anpassbare Orthesen im frühen Rehabilitationsprozess als Novum.

Bisheriges System stößt an Grenzen

Dr. Roland Thietje (Chefarzt Querschnittgelähmten-Zentrum BG Klinikum Hamburg) sagte in seinem Vortrag: Menschen mit Querschnittlähmung benötigen an allererster Stelle Kontinenz, Schmerzfreiheit und Selbstvertrauen. Nur so seien weiterführende Ziele wie Mobilität, berufliche Rehabilitation, Sexualität und Erfüllung eines Kinderwunsches erreichbar. Laut Thietje funktioniere das System „die Patienten bleiben so lange, bis sie umfassend und vollständig rehabilitiert sind“ in der stationären Reha nicht. Durch reduzierte Behandlungszeiten, vielfältigere Erkrankungsmuster und ältere PatientInnen mit diversen Erkrankungsbildern sei der Kontext der Behandlung einer Querschnittlähmung sehr viel komplexer geworden als vor 20 Jahren. Die Altersverschiebung führe dazu, dass die ehemals geltende Personalausstattung den Anforderungen nicht mehr gerecht würde. Er fordert daher eine querschnittspezifische Pflegedienstleitung, die Einführung einer Fachpflege Paraplegiologie, die Entwicklung neuer Standards sowie stetige Fortbildungen. Von zentraler Bedeutung wäre eine interdisziplinäre Therapieleitung für Querschnittgelähmte. Dazu gehört eine neue interprofessionelle Chefvisite, bei der ein Team von ÄrztInnen, Pflegenden und TherapeutInnen in einer Teamsitzung ein übergeordnetes Teilhabeziel formuliert und mit den PatientInnen vereinbart.

Moderne Neurorehabilitation setzt auf Eigenaktivität

Carlos González Blum (stv. Leiter PT-Schule Emmendingen und Lehrbeauftragter für Neurorehabilitation im Studiengang Physiotherapie an der Hochschule Furtwangen) sagte in seinem Vortrag, ein moderner Physiotherapieansatz baue auf Selbstständigkeit, Reintegration, Teilhabe und selbstbestimmte Lebensführung. Für einen „Paradigmenwechsel des Trainings“ sollen Eigenaktivität gefördert und das volle Potenzial der PatientInnen ausgeschöpft werden. Wichtig seien für die PatientInnen bedeutungsvolle und alltagsorientierte Ziele, die intensiv und repetitiv geübt werden. Wenn die Wiederherstellung der Funktion durch Kraftzuwachs nicht möglich ist, seien zielführende, funktionelle Kompensationsstrategien und adaptive Mechanismen sehr gute Optionen, um Aktivitäten zu ermöglichen oder zu verbessern. Den Einsatz von Hilfsmitteln wie Sprunggelenksorthesen, C-Brace sowie manuellen und elektrischen Rollstühlen begrüßt der Physiotherapeut sehr. Gepaart mit Kreativität ließen sich deutliche Verbesserungen der Aktivität erzielen. Hierfür seien viele ambulante Zentren technologisch leider noch nicht ausreichend ausgestattet. Am Beispiel eines 69 Jahre alten Rollstuhl-Patienten mit einer seit 40 Jahren diagnostizierten Multipler-Sklerose-Erkrankung erläuterte González Blum sein mit dem Patienten entwickeltes Therapieprogramm. Durch den Einsatz einer einfachen Ausrüstung aus der ambulanten Physiotherapie und unter Berücksichtigung der Prinzipien des motorischen Lernens, erzielte das Training nach drei Monaten deutliche Erfolge bei der Mobilität und Selbständigkeit: „Ich wusste nicht, dass ich noch so viel kann!“, war das Fazit des Patienten zum neuen Therapieansatz.

Neben González Blum und Prof. Dr. Thietje stellten zehn weitere Experten ihre Erfahrungen und Empfehlungen ca. 50 TeilnehmerInnen vor. So ging René Schiller (rahm – Zentrum für Gesundheit, Troisdorf) auf die Sicht der Leistungserbringer ein, während PD Dr. Rüdiger Rupp aktuelle Möglichkeiten der Versorgung von Rückenmarksverletzungen erläuterte. Alf Reuter (Präsident BIV Orthopädie-Technik) diskutierte politische Rahmenbedingungen und die Preisgestaltung in der Hilfsmittelversorgung. Dr. Bernd Brüggenjürgen sprach über Rückenmarksverletzungen im Fokus der Versorgungsforschung. Kevin Schultes stellte das Peer-Programm der Fördergemeinschaft der Querschnittgelähmten vor. Anschließend wurde das Konzept „Mobil nach Querschnitt“ diskutiert. Am Ende des Symposiums waren sich alle einig: Es muss auf allen Ebenen Bewegung in die Querschnitttherapie kommen – in der frühzeitigen Hilfsmittelversorgung, in der fachübergreifenden Zusammenarbeit und in der stärkeren Einbeziehung der PatientInnen. Nur so kann das Maximum an Mobilität und Lebensqualität erreicht werden.

Über das Symposium „Mobil nach Querschnitt”

Das Ottobock Symposium „Mobil nach Querschnitt” fand erstmalig am 16. und 17. September 2021 in Teistungen statt und dient einer Modernisierung der Querschnittversorgung durch einen holistischen Ansatz. Zu den Referenten gehörten: Carlos González Blum (stv. Ltg. PT-Schule Emmendingen, Gesundheitsschulen Südwest), Prof. Dr. med. Bernd Brüggenjürgen (Orthopädische Klinik der MHH, Leiter Institut für Versorgungforschung und technische Orthopädie, Hannover), PD Dr. Rüdiger Rupp (Leiter Sektion Experimentelle Neurorehabilitation, Klinik für Paraplegiologie, Universitätsklinikum Heidelberg), René Schiller (Geschäftsführung rahm – Zentrum für Gesundheit, Troisdorf), Alf Reuter (Präsident BIV Orthopädie-Technik), Kevin Schultes (Fördergemeinschaft der Querschnittgelähmten in Deutschland e.V. FGQ, Vorstandsmitglied Öffentlichkeitsarbeit, Bietigheim-Bissingen), Prof. Dr. Roland Thietje (Chefarzt Querschnittgelähmten-Zentrum BG Klinikum Hamburg, 1. Vorsitzender der Deutschsprachigen Medizinischen Gesellschaft für Paraplegiologie), Dr. Thorsten Böing (Leitung Rehabilitation & Kostenträger, Ottobock), Alexander Hardt (Business Development Manager, Ottobock), Philipp Hoefer (Geschäftsführer Otto Bock HealthCare Deutschland), Daniel Hublitz (Leitung Marktmanagement NeuroMobility, Otto Bock HealthCare Deutschland).

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