Individualität auf vier Rädern

Mit den gewissen Extras können Rollstuhlfahrer mit dem eigenen Wagen unterwegs sein. So wird der Traum von der individuellen Beweglichkeit wahr – auch wenn der Luxusschlitten für viele ein Traum bleibt - nur das gilt ja für etliche Menschen ohne Rollstuhl ebenso.
Mit dem Rolli unterwegs im eigenen Auto - so geht es
Vor einigen Monaten war zu lesen, dass ein Rollstuhlfahrer sich einen Maybach und einen Mercedes SLR für seine Bedürfnisse hat umbauen lassen. Die beiden Autos haben einen Kaufpreis von etwa 800.000 Euro. Mindestens ein Rolli hat sich schrecklich darüber aufgeregt – auch gegenüber dem Rolli-Verfasser dieses Berichtes – und den Käufer als „Dummkopf“ und „Idioten“ bezeichnet. Als Rollstuhlfahrer würde man sowas nicht fahren, das wäre unsinnig und unverständlich, einfach schlimm.

Viele Rollis beklagen sich darüber, dass sie nicht wie unbehinderte Menschen behandelt werden. Sicher sind diese Klagen – zumindest teilweise – berechtigt.

Aber sie sind es dann sicher nicht, wenn wir meinen, uns anders benehmen zu müssen als Nichtbehinderte. Warum soll ein Rolli, der es sich leisten kann und der Freude daran hat, nur deshalb keine Extrem-Autos fahren, weil er nicht gehen kann? Was ist überhaupt ein „geeignetes“ Auto für einen Rolli? Beispielsweise für einen, der seinen Rollstuhl ohne Hilfsmittel in ein Auto verladen kann?

Wenn es nur darauf ankommt, von A nach B zu kommen, reicht sicher ein zweitüriger Diesel-Kleinwagen mit Automatik-Getriebe und Handbedienung. Wenn aber die körperlichen Nachteile – die nun mal durch die Behinderung bestehen – möglichst ausgeglichen werden sollen, sind „Extras“ wirklich konkrete Hilfen. In der Regel gilt: Je preisgünstiger ein Auto ist, um so weniger Extras sind schon standardmäßig vorhanden – und umgekehrt.

Aber selbst bei teuersten Autos müssen etliche hilfreiche Einrichtung als teure Extras zusätzlich bezahlt werden. Kostenträger beteiligen sich in einem gewissen Umfang daran und nehmen als Basis üblicherweise die Beträge, die das Extra bei einem preisgünstigen Auto kosten würde.

Es ist immer wieder feststellbar, dass bei gleicher Behinderung die einen kein Problem damit haben, den Rollstuhl selbst zu verladen. Andere meinen aber, dass es ohne eine Verladehilfe nicht geht. Die einen schwören auf einfache Handbedienungen, die anderen wollen unbedingt die komfortablen mit der BRUHN-Technik, wieder andere halten den Gasring für das einzig Wahre.

Die einen wollen die Handbedienung nur links, die anderen nur rechts. Die einen benötigen zu ihrer Sicherheit eine große Karosserie, viele Airbags, ordentliche Motorkraft, starke Bremsen und einen immer griffbereiten Feuerlöscher. Den anderen ist Sicherheit völlig gleichgültig, sie gurten sich nicht mal an und telefonieren ohne Freisprech-Anlage – da kann man richtige Artisten beobachten. Die einen meinen, nur einen Faltrollstuhl hinter den Beifahrersitz verladen zu können, die anderen haben mit einen Starrahmen keine Probleme.

Es gibt Rollis, die locker in riesenhohe Geländewagen, Wohnmobile, Vans oder Family-Cars klettern. Andere meinen, unbedingt einen „Transporter“ mit viel Laderaum und Hebebühne oder Rampe fahren zu müssen. Wieder andere zwängen sich mit Vergnügen in winzige Sportautos, gegen die das Platzangebot eines Porsche geradezu üppig ist.

Eine Rollifrau aus dem Bereich Kassel fährt einen Mercedes CLK, bei dem hinter den Sitzen Null Platz ist. Die junge Frau transportiert ihren Rollstuhl deshalb im Kofferraum und nimmt es in Kauf, Passanten zu Hilfsdiensten herbei zu pfeifen – sie pfeift wirklich, kaum zu glauben, aber bestätigt. Und wieder andere schimpfen auf all das und halten einen Kombi der Golfklasse für das einzig geeignete für Rollis.

Interessant ist auch die Beobachtung, dass teilweise relativ schwer behinderte Tetras ihren Rollstuhl selbst verladen und relativ leicht behinderte Paras auf Verladehilfen bestehen.

Was ist also ein für einen Rolli geeignetes Auto? Das können nur Betroffene im Zusammenhang mit ihren körperlichen und finanziellen Möglichkeiten, ihrer Einstellung zum Autofahren und ihrem individuellen Sicherheits-Bedürfnis selbst bestimmen.

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