Die gedankengesteuerte Armprothese
Erstmals in Deutschland zu sehen ist auf der ORTHOPÄDIE + REHA-Technik eine sensationelle Neuentwicklung von Otto Bock: ein Prototyp der weltweit einzigartigen gedankengesteuerten Armprothese. Der erste Anwender des intelligenten Arms außerhalb der USA ist der junge Steirer Christian Kandlbauer, der, beidseitig armamputiert, inzwischen wieder bei seinem früheren Arbeitgeber als Lagerist beschäftigt ist.
Nach der Amputation eines Armes sind die Nerven bis zur Amputationsstelle funktionsfähig. Diese Nerven können grundsätzlich in einen neuen Muskel einwachsen und eine Kontraktion bewirken. Dieses Prinzip ist ein von der Natur eingerichteter „Reparaturmechanismus“, mit dem die verloren gegangene Fähigkeit einer Muskelkontraktion wieder hergestellt wird.
Die Idee der Targeted Muscle Reinnervation (TMR) besteht darin, diesen Reparaturmechanismus künstlich einzuleiten. Dabei wird ein Muskel, der durch die Amputation keine Funktion mehr ausübt, chirurgisch in mehrere Segmente aufgeteilt.
Die ursprüngliche Nervenversorgung dieses Muskels wird getrennt und für das Einwachsen der Nervstümpfe verwendet. Dieser Vorgang der gezielten Neuverbindung wird als Targeted Reinnervation bezeichnet.
Nach der hergestellten Neuverbindung kontrahiert der Muskel nach einem neuen Schema, das mit der Bewegung des Phantomarmes in Beziehung steht. Führt die Prothese genau dieselben Bewegungen aus wie der Phantomarm, spricht man von einer intuitiven Steuerung: der Prothesenträger steuert die Prothese mit seinen Gedanken.
Der chirurgische Eingriff muss sorgfältig geplant werden. Nach der Operation ist Geduld gefordert, denn die Nerven müssen in ihre neuen Muskeln erst einwachsen. Das dauert pro Millimeter circa einen Tag. Nach dem derzeitigen Wissensstand ist nach drei bis sechs Monaten mit einem gezielten Muskelaufbau zu beginnen.
Nach diesem Training ist der Patient in der Lage, eine Prothese mit wesentlich höherer Funktionalität zu steuern. Der Orthopädietechniker fertigt einen Prothesenschaft, der die Prothese am Körper sicher fixiert. Der Schaft soll den Patienten möglichst wenig einschränken und sichern, dass die Elektrodenkontakte zur EMG-Ableitung zuverlässig an der Haut aufliegen. Der künstliche Arm wird an dem Schaft befestigt und kosmetisch verkleidet.
Künstliche Arme, die den beschriebenen Nutzen in vollem Umfang ausschöpfen, existieren als Prototypen. Als Alltagsprothese benutzt der Patient eine modifizierte Standardprothese, die aus Serienteilen besteht. Dieser Arm hat zwar nur drei aktive Gelenke, ermöglicht dem Patient aber eine intuitive Steuerung und bietet dadurch einen signifikant höheren Nutzen.